Iran hat auf die offenbar immer heftiger werdenden Angriffe der israelischen und amerikanischen Armee auf seine Infrastruktur mit massiven Vergeltungsdrohungen reagiert. „Da sich der Umfang des regionalen Krieges zu einen Infrastrukturkrieg ausweitet, erweitert sich auch der Umfang der legitimen Ziele", hiess es am Montag in einer Meldung der den Revolutionsgardisten nahestehenden Nachrichtenagentur Tasnim. Ab sofort müssten sich auch die Nahost-Büros von amerikanischen Unternehmen wie Google, Microsoft, IBM, Nvidia und Oracle als „neue Ziele der Islamischen Republik" betrachten. Sie beschäftigen im Nahen Osten mehr als 30 000 Mitarbeiter.
Zudem müssten auch Banken in der arabischen Golfregion damit rechnen, angegriffen zu werden, drohte ein Sprecher der Revolutionsgardisten. Ihre Filialen sollten in Zukunft „in einem Umkreis von einem Kilometer" gemieden werden. Der Warnung vorausgegangen war in der Nacht zum Mittwoch ein israelischer Luftangriff auf eine Teheraner Filiale der zum Wirtschaftskonglomerat der Revolutionsgardisten gehörenden Sepah-Bank, bei dem mehrere Angestellte getötet worden.
„Entscheidend für den radikalen iranischen Kurswechsel" war nach den Worten von Trita Parsi, dem Vize-Präsidenten des Quincy-Institutes, einer Denkfabrik für amerikanische Aussenpolitik, die Zerstörung der Teheraner Ölvorräte am Samstag. Die auch von der US-Regierung kritisierten israelischen Luftangriffe hätten die ohnehin schlechte Luft in der iranischen Hauptstadt weiter verseucht und „die Wut der Bevölkerung auf die Angreifer ins Unermessliche gesteigert". Nachdem am Montag auch die Öldepots in Schiras und Isfahan in Brand geschossen worden, verkündeten die iranischen Revolutionsgardisten gestern, dass die Sperrung der Strasse von Hormus „viele Monate" andauern könnte.
Der Iran habe in den letzten 12 Tagen Schäden in Milliardenhöhe erlitten, die ersetzt werden müssten, betonte Foad Izadi, ein regimenaher Professor an der Universität Teheran, in einem Gespräch mit dem Fernsehsender Al Jazeera. Solange die finanzielle Frage nicht geklärt sei, werde die Blockade der Meerenge, durch die etwa 20 Prozent der weltweiten Ölladungen transportiert werden, andauern. Nach einer Wiedereröffnung könnte Iran alle Schiffe, die durch die Strasse von Hormus fahren, besteuern.
Die iranische Regierung habe beschlossen, dafür zu sorgen, dass jeder Cent der durch die Angreifer verursachten Schäden zurückgezahlt werden müsse, sagte Izadi weiter: „Die Vorstellung, dass Iran wirtschaftlich leidet, während sich die anderen amüsieren, ist Vergangenheit". Wie Schifffahrtskreise in Dubai betonen, sind die iranischen Drohungen „sehr ernst zu nehmen". „Wir raten allen Reedereien, die Meerenge nicht zu passieren", sagte Christopher Long, Leiter der Informationsabteilung von Neptune P2P, einem britischen Unternehmen für maritime Sicherheit. „Wir werden unsere Kollegen nicht in Gefahr bringen", erklärte Vincent Clerc, der Vize-CEO des dänischen Containerschiffbetreiber Moller-Maersk.
Iran attackierte auch am Mittwoch wieder zwei Containerschiffe im Persischen Golf mit Schnellbooten. Zuvor hatten die USA die Zerstörung von 16 iranischen Minenlegern gemeldet und das Mullah-Regime von den „gewaltigen Konsequenzen" einer Verminung der Strasse von Hormus gewarnt. Informationen über eine solche Verminung lägen ihm allerdings nicht vor, schrieb US-Trump in seiner Plattform Truth Social.
Iranische Schiffe passieren die Strasse von Hormus dagegen ungehindert. Seit dem Beginn des Krieges am 28. Februar hätten sich die iranischen Ölexporte aus der Golfregion auf 2.1 Millionen Barrell täglich erhöht, was dem Regime eine „finanzielle Lebensader" verschafft habe, berichtet das Tanker-Tracking-Unternehmen Kpler.
Aus der Sicht des Iran untergrabe ein langwieriger Zermürbungskrieg die Euphorie seiner Gegner weitaus wirksamer als eine kurze Konfrontation, analysiert der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz in einem Beitrag auf X. Je länger der Konflikt dauere, desto mehr glaube Teheran, dass sich das strategische Gleichgewicht – psychologisch und politisch – zu seinen Gunsten zu verschieben beginne. Vor diesem Hintergrund werde Iran auch keinen „einfachen Waffenstillstand" akzeptieren. Das Regime werde seinen wichtigsten strategischen Vorteil, nämlich seine Fähigkeit, die enormen Kosten des Krieges zu ertragen und zu absorbieren, voll ausschöpfen, glaubt Citrinowicz.
Die Regierungen der arabischen Golfstaaten haben auf die neuerlichen Erpressungsmanöver des Mullah-Regimes bisher nicht direkt reagiert. Um den Krieg zu beenden, könnte eine gemeinsame Entscheidung aller arabischen Golfstaaten, alle Öl- und Gasexporte einzustellen, die „wirksamste nicht militärische Massnahme sein", schrieb der katarische Regierungsberater Ali Bakir in einem Beitrag auf X.
Durch die Nutzung ihrer beispiellosen Position auf dem globalen Energiemärkten könnten die arabischen Golfstaaten die internationale Gemeinschaft zu einer Intervention zwingen, um die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch zu bringen.