Aus der Region Latakia, der Heimatprovinz des gestürzten syrischen Diktators Baschar al Assad, werden die schwersten Kämpfe seit der Machtübernahme der islamistischen HTS-Milizen vor genau drei Monaten gemeldet. Auslöser waren nach Informationen der regierungsnahen „Syria Weekly“ offenbar „eine Reihe von gut und klar koordinierten Hinterhalten und Überfällen durch Gefolgsleute des Assad-Clans“ im Bergland östlich der Hafenstadt Latakia. Bis zu 50 HTS-Milizionäre sollen dabei getötet worden sein. Auf schwer zu verifizierenden Videoaufnahmen sind Dutzende von bärtigen jungen Männern in einem von Assad-Loyalisten bewachten Verlies zu sehen.
Ihr Ziel ist offenbar die Rückeroberung der gesamten Küstenregion um Latakia, Jableh und Tartus. Die Region wird mehrheitlich von Mitgliedern der religiösen Minderheit der Alawiten bewohnt wird, der auch der Clan des nach Moskau geflohenen Machthabers Assad angehört. Laut „Syria Weekly“ soll ein ehemaliger Brigadegeneral der Assad-Armee die Gründung eines „Militärrates zur Befreiung von Syrien“ bekanntgegeben haben.
Aus Damaskus sowie die HTS-Hochburgen Aleppo und Idlib seien daraufhin Tausende von regierungstreuen Milizionären in die Region Latakia geschickt worden. Dort toben seit Donnerstag heftige Kämpfe. „Die Wiederherstellung der Ordnung sowie die Festigung der Macht wird wahrscheinlich Monate dauern“, sagte ein hochrangiger Beamter aus dem inneren Kreis von Syriens Übergangspräsident Achmed al Schara der „Syria Weekly“. Es bleibe abzuwarten, ob es sich bei dem Kämpfen in der Latakia-Region um einen „kurzlebigen Akt der Verzweiflung „oder einen Aufstand handelt, welcher das Regime in Damaskus am Ende lähmen könnte.
Syriens islamistische Machthaber hatten nach dem Sturz des Assad-Regimes den Schutz und die Gleichbehandlung aller ethnischen und religiösen Minderheiten versprochen. Tatsächlich kam es seit dem 8.Dezember letzten Jahres immer wieder zu Übergriffen auf Alawiten, bei denen es sich aus der Perspektive der in Damaskus regierenden Islamisten um „Ungläubige“ oder „Abweichler vom rechten Glauben“ handelt.
Tatsächlich interpretiert die alawitische Glaubensgemeinschaft den Islam viel liberaler als die sunnitische Bevölkerungsmehrheit in Syrien: Bei ihren Ritualen trinken Alawiten Wein. Frauen müssen kein Kopftuch tragen. Die Pilgerfahrt nach Mekka, eine der fünf Säulen im Islam, kann auch symbolisch vollzogen werden.
Nach Erkenntnissen der in Grossbritanien ansässigen „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ (SOHR) sollen sunnitische Muslime seit dem Sturz des Assad-Regimes mehr als 200 Menschen erschossen haben. Die meisten von ihnen seien Alawiten gewesen. Mehr als 9000 Alawiten würden in einem Gefängnis in der zentralsyrischen Stadt Hama festgehalten.
„Sie besteht die Gefahr, dass sie von Islamisten gefoltert werden“, befürchtete der Nahostreferent der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, Kamal Sido Ende Januar – und warnte: Die zahlreichen Racheakte der Islamisten könnten zu einem bewaffneten Aufstand der Alawiten führen, der das Land weiter destabilisieren könnte.
Wegen der vielen Racheakte, die vom Regime als „bedauerliche Einzelfälle“ bezeichnet werden, haben es auch die Angehörigen der kurdischen und drusischen Minderheit strikt abgelehnt, ihre Waffen dem HTS zu überlassen. Damit wächst die Gefahr eines landesweiten Bürgerkrieges in Syrien. Westliche Beobachter rechnen auch mit einem Wiedererstarken des sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Die Terrororganisation soll in den letzten Wochen einige ihrer Stützpunkte im syrischen Euphrattal zurückerobert haben.