Auch am 13.Tag des Krieges gegen den Iran bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Was ist das Ziel dieses Krieges? „Ist das Ziel ein Regimewechsel im Iran – oder inzwischen die Zerstörung des iranischen Staates?", fragte zu Wochenbeginn der israelische Militäranalytiker Danny Citrinowicz besorgt. „Kann man gleichzeitig das iranische Volk auffordern, auf die Strasse zu gehen, während dieselbe Militärkampagne die Infrastruktur des Landes zerstört?" Oder wie es der CNN-Journalist Fareed Zakaria ausdrückte: „Bombardieren und hoffen ist keine Strategie".
Dabei sollten die USA eigentlich wissen, dass es auch anders geht, ein Regime Change im Iran auch mit weitgehend friedlichen Mitteln erreicht werden kann: Wir schreiben das Jahr 1951. Das Nachrichtenmagazin TIME hatte den damals regierenden iranischen Premierminister Mohammed Mossadegh zum „Mann des Jahres" gewählt. Der demokratisch gewählte Politiker hatte es gewagt, die britische Ölförderung im Iran zu verstaatlichen. Seit dem Anfang des 20.Jahrhunderts bescherte die Anglo-Iranian Oil Company dem British Empire gewaltige Gewinne. Auf die wirtschaftliche Demütigung reagiert London mit einem Propagandakrieg, in dem der im Iran als Volksheld gefeierte Mossadegh als unzurechnungsfähiger Fanatiker verunglimpft wurde.
Die an die USA gerichtete Bitte der Briten, gemeinsam den Status quo ante im Iran wiederherzustellen, wurde in Washington zunächst barsch zurückgewiesen. Erst als mit der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Dwight D.Eisenhower antikommunistische Hardliner die Macht übernommen hatten, schwenkten die USA jedoch um: Der 1951 noch als „Mann des Jahres" gefeierte Mossadegh war plötzlich „ein gefährlicher Irrer".
Ihn mit militärischen Mitteln aus dem Amt zu heben, lehnte die Eisenhower-Regierung dennoch ab. „Wir sind aber bereit, mit anderen Mitteln vorzugehen", hiess es in Washington. Wenige Monate später wurde der CIA-Agent Kermit Roosevelt unter falschem Namen nach Teheran geschickt, wo die gut vorbereitete „Operation Ajax" gestartet wurde. Mit hohen Bestechungsgeldern gelang es der CIA, Politiker, Armeeoffiziere sowie hohe schiitische Geistliche gegen die Mossadegh-Regierung aufzuwiegeln.
Die Beeinflussung der Menschenmassen auf den Strassen von Teheran erwies sich als entscheidend für den Erfolg der (Regime Change)-„Operation Ajax": Die CIA mobilisierte Demonstranten, die sich als Anhänger des Schahs ausgaben und bezahlte Personen dafür, mit dem Skandieren von regierungsfeindlichen Parolen die Mossadegh-Anhänger zu provozieren. Das so entstandene Chaos beendeten schahtreue Einheiten des Militärs, die am 19. August 1953 die strategisch wichtigsten Punkte des Landes besetzten und Mossadegh stürzten.
Der für kurze Zeit ins Exil nach Rom geflohene Schah Resa Pahlavi konnte zurückkehren und mit amerikanischer Unterstützung seine Diktatur etablieren. Bis heute werde der Sturz des demokratisch gewählten iranischen Premierminister Mohammed Mossadegh von den meisten Iranern als „ein Trauma" wahrgenommen, betont die aus dem Iran stammende Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. Ohne den Regime Change von 1953 seien „weder die islamische Revolution von 1979 noch der anhaltende, noch immer identitätsstiftende Anti-Amerikanismus denkbar".
Als Ende 1979 iranische Studenten die Teheraner US-Botschaft stürmten und 52 amerikanische Diplomaten für 444 Tage als Geiseln nahmen, hatte dies grosse Symbolkraft: Schliesslich hatten in diesem Gebäude die Initiatoren des Mossadegh-Putsches ihre Fäden gezogen.
Die Geiselnahme von Teheran ist auch für die USA bis heute ein Trauma. Als US-Präsident Donald Trump am ersten Tag seiner Operation „Epischer Zorn" die Gründe für das militärische Eingreifen vortrug, nannte er ausdrücklich auch die 444 Tage andauernde Geiselhaft der Teheraner US-Diplomaten. Auch diese „Schandtat" der Iraner soll mit den andauernden Militärschlägen gerächt werden.
Führt man sich vor Augen wie tief die USA in die Geschichte des Iran verwickelt waren und sind, sollte man eigentlich davon ausgehen können, dass sie – allein oder mit israelischer Unterstützung – in der Lage sein sollten, einen Plan für einen politischen Wandel auszuarbeiten. Anzeichen dafür gibt es bisher aber nicht.
Der israelisch-amerikanische Krieg gegen das Mullah-Regime, kritisiert ausgerechnet der israelische Militäranalytiker Citrinowicz, basiere auf „falschen Annahmen über den Iran – verbunden mit einem begrenzten Verständnis seiner Geschichte, seiner Entscheidungskultur und seines politischen Systems". Selbst gegen die hochleistungsfähige Militärmacht Israels und der Vereinigten Staaten gebe es drei Dinge, die dem Iran nicht genommen werden könnten: Seine Grösse, seine Geografie und seine Geschichte, in der sich die Widerstandskraft seiner Bevölkerung widerspiegele.
Sollte der Krieg in den kommenden Tagen enden, könnte man ihn auf viele Arten beschreiben: „Aber ein Sieg würde nicht dazugehören". Die meisten Iran-Experten sind sich einig, dass der Konflikt den Iran wahrscheinlich weiter in Richtung einer noch tieferen strategischen Annäherung an China, Russland und Nord-Korea treiben wird.
Um Stimmung gegen die Mossadegh-Regierung zu machen, hatte die CIA ihr unterstellt, mit den „Kommunisten zu paktieren". Tatsächlich war der 1953 gestürzte Premierminister ein glühender Nationalist. Und das sind die meisten Iraner auch heute noch.