Ein Massaker im Bewerbungsschreiben

Nach der blutigen Niederschlagung der Proteste im Iran steht der „Übergang von der Diktatur der Turbanträger zur Herrschaft der Stiefelträger" bevor: Als Nachfolger von Revolutionsführer Khamenei ist Ali Laridschani, der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates, im Gespräch.

Limassol/Teheran von Michael Wrase

Einen Monat nach dem Beginn der Massenproteste herrscht im Iran Friedhofsruhe. Zum wiederholten Mal hat es das Mullah-Regime geschafft, eine von grossen Teilen der Bevölkerung getragene Rebellion extrem blutig niederzuschlagen. Wegen der andauernden Internetabschaltungen wird es vermutlich noch Monate dauern, bis die genaue Zahl der Opfer feststeht: Das Menschenrechtswerk Hrana mit Sitz in den USA konnte bis zum 24.Januar 5137 Tote verifizieren. 12.904 weitere gemeldete Fälle würden überprüft.

Nach einer Meldung der israelischen Zeitung "Israel Hajom" verfügt der US-Geheimdienst inzwischen über "eindeutige Augenzeugenberichte über Hinrichtungen im Iran". US-Präsident könnte nun unter Handlungsdruck geraten. Er hatte in der vergangenen Woche einen Militärangriff auf Iran von einem umfassenden Verzicht auf Hinrichtungen abhängig gemacht, zu dem auch die iranische Justiz nicht bereit ist.

Der Volksaufstand im Iran hatte am 27. und 28.Dezember mit einer Demonstration der Teheraner Basarhändler begonnen. Sie waren wegen des extremen Wertverfalls des iranischen Rials auf die Strasse gegangen. Durch ihren Protest, der vor 47 Jahren zum Sturz des Schahs geführt hatte, fühlten sich auch andere Teile der Bevölkerung ermutigt, dem Mullah-Regime die Gefolgschaft zu versagen.

Auf die revolutionsähnlichen Massendemonstrationen, an denen bis zu zwei Millionen Menschen teilgenommen haben sollen, hat das islamistische Herrschaftssystem mit Massakern reagiert. "Vorbild" für die grauenvollen Blutbäder in Teheran und anderen iranischen Millionenstädten war nach einem Bericht des als seriös geltenden Nachrichtenportals "IranWire" "die Niederschlagung der Massenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Sommer 1989". Das chinesische Militär hatte damals vermutlich zwischen 3000 und 10.000 Demonstranten getötet – ein Verbrechen, das bis heute als Warnung für die Gegner des chinesischen Regimes steht.

Initiator und Drahtzieher des Massakers in Teheran am 8. und 9. Januar war Ali Laridschani. Der Sekretär des "Obersten Nationalen Sicherheitsrates" habe den Demonstranten "eine letzte Warnung" senden und mit dem Blutbad die Bevölkerung vor neuen Protesten abschrecken wollen, berichtet "IranWire", das von professionellen Journalisten im Exil und Bürgerjournalisten im Iran betrieben wird.

Nach Informationen des Nachrichtenportals soll Laridschani die Massenproteste im Iran genutzt haben, um sich für die Zeit nach einem unvermeidlichen Ende der Herrschaft von Ayatollah Khamenei als dessen möglichen Nachfolger zu positionieren. Dabei profitiere er von seinen weitverzweigten Beziehungen zu Kommandeuren der Revolutionsgardisten, den Geheimdiensten sowie den engen Verbindungen seiner Familie zu hochrangigen Geistlichen im Iran.

Persönliches Vorbild von Laridschani, der Mathematik und Informatik studierte, soll Deng Xiaoping sein. Wie der chinesische Politiker, der sein Land in den 80er-Jahren zum Westen geöffnet hatte, soll auch der 67 Jahre alte Iraner an die Durchführung von kulturellen und wirtschaftlichen Reformen ohne ein freiheitliches Staatswesen glauben, zitiert "IranWire" gut informierte Funktionäre der Islamischen Republik.

Wann und ob der in der irakischen Stadt Nadschaf geborene Ali Laridschani die Nachfolge des greisen Ali Khamenei antreten wird, ist gegenwärtig noch unklar. Da der Tod des iranischen Revolutionsführers oder sein vorzeitiger Rückzug aus der Politik, sei es aus eigenem Anrieb oder aufgrund seiner Absetzung unvermeidlich sei, habe im Iran die Suche "nach einem alternativen Regierungsmodell" längst begonnen, heisst es in einer aktuellen Analyse des führenden israelischen Iran-Experten Raz Zimmt. Khameneis Tod, betont der an der Universität von Tel Aviv lehrende Historiker, werde das Ende des gegenwärtigen Herrschaftssystems im Iran einläuten.

Es bedeute auch den "Übergang von der Diktatur der Turbanträger zur Herrschaft der Stiefelträger", also den iranischen Revolutionsgardisten, die für die Massaker am 8. und 9. Januar dieses Jahres verantwortlich sind. Laut Raz Zimmt sei es zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich, einen konkreten Nachfolger für Khamenei zu benennen. Man könne aber davon ausgehen, dass die Staatsgeschäfte zunächst von einem kollektiven Führungsrat wahrgenommen würden, dem hochrangige Persönlichkeiten wie Ali Laridschani angehören.

Der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates ist auch im Westen kein Unbekannter. Unter der Regierung von Präsident Achmadinedschad wurde der Sohn eines Ayatollahs zum Chefunterhändler bei den Atomverhandlungen mit der EU ernannt. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2009 sorgte Laridschani für einen Eklat, als er in seiner Rede den Holocaust relativierte.

Nach einem Bericht der iranischen Oppositionswebseite "Iran International" soll sich Irans Revolutionsführer Ali Khamenei inzwischen in einem unterirdischen Bunker im nördlich von Teheran gelegenen Alborz-Gebirge verschanzt haben. Der Flucht des 86 Jahre alten Ayatollahs seien Warnungen vor einem bevorstehenden US-Angriff auf Iran vorausgegangen. Die Stationierung der dafür notwendigen See- Luft – und Bodenstreitkräfte würde gegenwärtig abgeschlossen, berichtet der israelische Fernsehsender Channel 13.